„Die Königin der Schatten“ von Erika Johansen – Absolut unterwältigend

Buch: „Die Königin der Schatten“ (2015)

Autorin: Erika Johansen

Verlag: Heyne

Ausgabe: Broschiert, 543 Seiten

Die Autorin: Erika Johansen lebt in der San Francisco Bay Area wo sie auch aufgewachsen ist. Sie besuchte das Swarthmore College und wurde Anwältin. Zusätzlich absolvierte sie den renommierten Iowa Writers Workshop. Eine Rede Barack Obamas über die Freiheit inspirierte sie zu ihrem Debütroman „Die Königin der Schatten“. Ach, hätte der amerikanische Präsident doch geschwiegen…

Das Buch: Das Land Tearling ist ein karges, rohstoffarmes Land und seine Bewohner leben größtenteils in Armut. Und in Angst. Angst vor dem östlichen Nachbarland Mortmesne, das seit Jahrhunderten unter der Herrschaft der Roten Königin steht und seitdem eine ständige Bedrohung darstellt. Vor beinahe 20 Jahren konnte Tearlings Königin Elyssa jedoch nach der letzten Invasion der Mortarmee einerseits einen Frieden mit der Roten Königin aushandeln – wenn auch zu einem hohen Preis – und andererseits ihre kleine Tochter Kelsea in einem abgelegenen Teil Tearlings in Sicherheit bringen.

Mittlerweile ist die Herrschaft Elyssas vorbei, auf dem Thron sitzt als Regent ihr Bruder. Und dieser versucht fieberhaft, Kelsea zu finden, da sie eine Bedrohung für ihn darstellt. Denn sie ist nunmehr alt genug, um an den Hof zurück zu kehren und Königin zu werden. Kelsea muss ihren idyllischen Wohnsitz am Wald bei ihren Pflegeeltern Barty und Carlin aufgeben und sich um Tearling kümmern. Ihr zur Seite stehen dabei lediglich eine Handvoll Männer der Königinnen-Garde, die bereits in Diensten ihrer Mutter stand, unter der Führung des kampferprobten Mace.

Fazit: Lesen sollte in erster Linie Vergnügen bereiten. Tut es das nicht, hat man sich vielleicht für das falsche Buch entschieden. Dieses, nun, ich will es mal wohlwollend „Buch“ nennen, barg für mich jedoch soviel Möglichkeiten, mich zu ärgern, dass die Lektüre schon in Stress ausartete. Ein Indiz dafür, dass ich mich für das ganz falsche Buch entschieden habe.

Es ging schon mit dem Aufkleber auf dem Buch los. Gut, mittlerweile scheint es allseits anerkannte Vorgehensweise zu sein, jedes Buch mit einer Fülle von überflüssigen, weil nichtssagenden, Aufklebern vollzubäppen, bis zur Unleserlichkeit des Titels. Ich habe mich darüber schon unzählige Male echauffiert und tue es trotzdem gerne wieder! Auf die Gutenberg-Bibeln hat schließlich auch niemand Aufkleber angebracht auf denen sowas steht wie: „Jetzt der große Gensfleisch-Sale! Zwei Bibeln zum Preis von einer! Jetzt kaufen und erst nach der Französischen Revolution bezahlen!“

Weil es aber modern ist, prangte auch auf dem vorliegenden Buch einer dieser Aufkleber. Dort war zu lesen: „Ich konnte dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen!“ – Emma Watson. Gut, die vollkommen zu Recht als, äh, renommierte Literaturkritikerin weltberühmt gewordene Emma Watson sagt also einen ziemlich nichtssagenden Satz, den sie sich, wenn sie klug ist, woran ich nicht den Hauch eines Zweifels habe, auch noch fürstlich entlohnen ließ. Der Inhalt ihrer Äußerung ließ für mich zwei Schlussfolgerungen zu. Erstens: Miss Watson und ich haben einen diametral entgegengesetzten Buchgeschmack. Und zweitens: Ich würde Miss Watson raten, einen Orthopäden zu konsultieren! Übrigens urteilt „USA Today“ über das Buch: „Ein unglaubliches Abenteuer, das einen nicht mehr loslässt!“ Irgendwie haben sie alle also Probleme, etwas loszulassen…

Nun, genug von Aufklebern und „Hermine“ und loslassen.

Kommen wir zum Inhalt: „Die Königin der Schatten“ spielt in einer nicht näher definierten Zukunft auf der Erde. Ein gewisser William Tear war aus Amerika losgesegelt, um einen Staat ganz nach seinen Wünschen zu gründen. Ohne Religion, fast ohne moderne Technologie, ohne Gewalt, mit Wohlstand für alle, und was man sich nur so wünschen kann. Nachdem ich mir diese Basis der Hintergrundgeschichte mühsam aus einzelnen Informationsfragmenten angelesen hatte, stellten sich mir dann die ersten Fragen:

Wo ist der denn hingesegelt??? Schließlich dürfte so ziemlich jeder m² Boden auf unserer schönen Erde bereits zu irgendeinem Staat gehören oder aber sich nicht wirklich zur Besiedelung eignen. Tear ist wahrscheinlich nicht gerade nach Kiel gesegelt und hat dort gesagt: „Hallo, mein Name ist William Tear und ich möchte hier einen Staat gründen!“ Woraufhin ihm die cleveren Küstenbewohner gesagt haben: „Ja, nu, dat is hier jetzt schlecht! Aber wenn ihr von hier einige hundert Kilometer nach Süden zieht, dann kommt ihr in einen Landstrich namens Bayern unter der Herrschaft eines gewissen Seehofer! Geht dorthin und nehmt euch soviel Land wie ihr braucht, von dort kommt sowieso nichts Gutes!“

NEIN, so wird das nicht gelaufen sein!!!  Wo also liegt dann das Land Tearling? Der geneigte Leser muss bis Seite 392 warten, bis er, oder sie, auf den Satz stößt: „Denn ihrer Ansicht nach hatte Gott genau das im Sinne gehabt, als er die Neue Welt aus den Fluten gehoben hatte.“ AHAAAA, da ist also irgendwann mal neues Land aus dem Meer aufgetaucht! Ja, was wäre das hilfreich gewesen, wenn man dem Leser das zu Anfang bereits gesagt hätte!

Insgesamt passt mir das gesamte „Setting“ nicht. Was Fantasy angeht, bin ich zugegebenermaßen Traditionalist. Entweder ich entscheide mich für eine alternative Fantasy-Welt mit axtschwingenden Zwergen, mysteriösen Waldläufern und, wenn es denn unbedingt sein muss, mit über Schneedecken laufenden Elben ooooder aber ich entscheide mich für ein postapokalyptisches Science-Fiction-Szenario á la „Mad Max“! Aber beides zusammen? Das funktioniert im vorliegenden Fall irgendwie nicht. Auch und vor allem, weil dem Leser eben nicht genug Hintergrundinformationen gegeben werden um sich wirklich in Tearling und Umgebung zurecht zu finden.

Das führt dauerhaft zu offenen Fragen. Beispiel:

Ein Soldat der Königinnen-Garde erzählt etwas von der Überfahrt. Bei dieser Überfahrt geht das sogenannte „Weiße Schiff“ unter. An Bord waren alle(!) Ärzte und die medizinischen Gerätschaften, wodurch begründet wird, dass es in Tearling keine moderne Medizin gibt. Daraufhin fragt Kelsea: „Warum wurden alle Ärzte auf ein Schiff verfrachtet? Wäre es nicht logischer gewesen, jedes Schiff hätte seinen eigenen Arzt gehabt?“

„Die Geräte“, antwortete Lear mit einem leichten Schnauben, aus dem Kelsea schloss, dass er zwar gerne Geschichten erzählte, Nachfragen aber nicht besonders schätzte. „Lebensrettende Gerätschaften waren die einzige Technologie, die William Tear auf der Überfahrt gestattet hat, aber auch die gingen zusammen mit dem Wissen verloren.“

Entschuldigung, aber: HÄ??? Ich habe wirklich versucht, diese Passage zu begreifen, ich tue es aber nicht. Die Ärzte fahren alle auf einem einzigen Schiff wegen der Geräte, oder wie??? Warum??? Kapier ich nicht!

Auch wie die Magie auf die Erde gekommen ist, wird dem Leser nicht gesagt. Wahrscheinlich gab es die immer schon und ich hab es einfach nicht mitbekommen, mein Fehler! Vielleicht bin ich schon mehrfach Gandalf beim Aldi begegnet und hab auch das nur einfach nicht mitbekommen…

Tja, Fragen über Fragen bilden sich bei der Lektüre dieses Buches im Kopf des Lesers. Schade, dass nur die wenigsten beantwortet werden.

Was hab ich sonst noch alles gefunden?

– Es wird behauptet, die Ziegel aus dem Nachbarland Mortmesne würden aus dem besseren Mörtel gefertigt!

Baustoffkunde sechs, setzen! Ziegel werden aus tonhaltigem Lehm gebrannt. Mörtel ist das Zeug, dass man zwischen die Ziegel pappt, es sei denn, man zieht es vor, die Dinger einfach nur zu stapeln, was für mich jetzt aber erstmal keinen Sinn ergäbe.

– Auf Seite 210 heißt es: „Als sich ihre Blicke begegneten, stellte Kelsea überrascht fest, dass er dieselben tiefgrünen, mandelförmigen Augen hatte wie sie selbst.“

Auch auf die Gefahr hin, klugscheißerisch zu wirken: Aber es sind allerhöchstens die gleichen Augen! Wären es die selben, so würden sich Kelsea und ihr Gegenüber ein Augenpaar teilen, was sowohl medizinisch als auch anatomisch ziemlich fragwürdig sowie auch schlicht widerlich wäre! („Hier, nimm Du, ich hab´ genug gesehen…“)

– Ein Kardinal der Kirche trägt eine Anstecknadel als Erinnerung an seine Zeit bei der „Anti-Unzucht-Einheit“! Echt jetzt, „Anti-Unzucht-Einheit“!!! Wer kommt auf sowas???

Und, und, und… ich könnte noch auf viele Dinge, wenn auch Kleinigkeiten, eingehen, die mich gestört haben.

Nach diesen ganzen Unzulänglichkeiten befasse ich mich dann aber letztlich doch nochmal mit Dingen wie Stil, Charakteren und Inhalt.

Der Stil macht genau den Eindruck, als hätte man sich ihn durch die Teilnahme an einem Writers-Workshop erworben. Nicht gut, nicht schlecht, Mittelmaß.

Abgesehen von der nur unzureichend erklärten Hintergrundgeschichte gibt es ja auch noch die Handlung selbst. Die ist allerdings leider ebenfalls arg überschaubar. Erst nach ca. 150 Seiten kommen Kelsea und ihr Gardist Mace überhaupt am Hofe an. Wer den Einstieg von „Der Herr der Ringe“ langweilig fand, kennt diese 150 Seiten nicht…

Die restliche Handlung verläuft ohne große Überraschungen, leider. Wenn wenigstens ein genialer „Cliffhanger“ am Ende des Buches käme, um Lust auf die Fortsetzung zu machen! Denn, so unfassbar mir das erscheint, die ist in Arbeit. Aber nein, besagten Cliffhanger gibt es nicht, das Ganze plätschert so vor sich hin.

Vielleicht am ehesten konnte ich mich in „Die Königin der Schatten“ noch mit den Charakteren anfreunden. Kelsea ist nicht wirklich die strahlende Heldin, die man in einem solchen Buch erwarten könnte, sondern eher ahnungslos und unscheinbar. Aber immer bestrebt, das Beste zu tun, auch wenn sie sich teilweise nicht genügend Gedanken um die Konsequenzen ihres Handelns macht.

Auch Mace ist gut getroffen. Ein harter Kämpfer, loyal, immer an Kelseas Seite, der sich nicht scheut, auch mal Widerworte zu geben. Ja, Mace geht auch in Ordnung.

Die guten Ansätze bei den Charakteren reichen allerdings leider nicht ansatzweise, um dieses Machwerk irgendwie zu retten. Die Autorin beendet ihre Danksagung mit den Worten: „Zu guter Letzt noch ein Dankeschön an meine Leser! ich hoffe, ihr hattet Spaß.“ Es tut mir leid, Miss Johansen, aber: Nein, nicht im Geringsten!

Aber hey, wenigstens ist das Cover schön – wenn man vorher den Aufkleber entfernt! 😉

Übrigens: Fairerweise möchte ich aber nicht verschweigen, dass dieses Buch auf der Internetseite des großen Onlineversandhandels mit „A“ und angeblich fragwürdigen Arbeitsbedingungen größtenteils ausgesprochen positive Kritiken bekommen hat. Das deutet dann entweder darauf hin, dass ich keine Ahnung habe oder aber darauf, dass viele Menschen beim Lesen nicht denken. Um des lieben Friedens willen und der Einfachheit halber nehme ich jetzt einfach mal an, dass ich keine Ahnung habe.

Wertung:

Handlung: 2 von 10 Punkten

Charaktere: 6 von 10 Punkten

Stil: 5 von 10 Punkten

Spannung: 2 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 3,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Nach diesem literarischen Waterloo kann es eigentlich nur noch besser werden. Hoffe ich. Also, demnächst gibt es „Gottesfluch“ von James Becker.

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2 Kommentare zu „„Die Königin der Schatten“ von Erika Johansen – Absolut unterwältigend

  1. Ich bediene mich hier gerne eines Unworts der frühen 2000er: Endgeil!!! Eine wahrhaft lesenswerte Rezension, die u.a. Deine abgrundtiefe Verachtung für Harry Potter und den Herrn der Ringe, also den Mainstream durchscheinen lässt! Hermine, Gandalf, einfach klasse! Der Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung kleines diebisches Bergvolk ist ebenfalls höchst amüsant 😉 Weiter so!

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