„Das Kind, das nachts die Sonne fand“ von Luca di Fulvio – Ghostwriter???

Buch: „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ (2015)

Autor: Luca di Fulvio

Verlag: Bastei Lübbe

Ausgabe: Taschenbuch, 830 Seiten

Der Autor: Luca di Fulvio ist ein 1957 geborener italienischer Schriftsteller. Nach seinem Studium der Dramaturgie in Rom wandte er sich dem Theater zu. Seit 1996 ist er als Schriftsteller tätig. Bisher veröffentlichte di Fulvio neun Bücher, von denen allerdings nur wenige auch auf deutsch erschienen sind. Bekannt wurde er in erster Linie durch seine Bücher „Der Junge, der Träume schenkte“ und „Das Mädchen, das den Himmel berührte“. Diesen beiden, meiner Meinung nach, herausragenden historischen Romanen folgt nun „Das Kind, das nachts die Sonne fand“.

Das Buch: Im Jahre 1407 herrscht Fürst Marcus I. von Saxia über das kleine Fürstentum Raühnval in den Alpen. Sein Sohn, Erbprinz Marcus II. von Saxia, wächst am Hofe wohlbehütet auf. Dann jedoch wird die heimische Burg überfallen. Eine Gruppe Banditen tötet alle Bewohner der Burg, auch Fürst Marcus I. stirbt im Kampf. Sein Sohn kann sich rechtzeitig verstecken und beobachtet das Massaker an Freunden und Familie. Schließlich wird er von Eloisa, der Tochter der Hebamme Anneke, gerettet und in das nicht weit entfernte Dorf gebracht.

Bereits kurz nach dem Tod des Fürsten fügt der Fürst von Ostjernig, Herrscher über das benachbarte Fürstentum, das wohlhabende Raühnval seinem Einflussbereich mittels umfangreicher Intrigen hinzu. Von nun an leiden die Menschen im Raühnval unter dem grausamen und jähzornigen neuen Herrscher, der in schöner Regelmäßigkeit unschuldige Menschen zu seiner Belustigung hinrichten lässt.

Schließlich findet Marcus II., der mittlerweile unter dem Namen Mikael im Dorf lebt, um nicht die Aufmerksamkeit des Fürsten von Ostjernik zu erregen, heraus, dass die Banditen, die seine Familie umgebracht haben, im Auftrag Ostjerniks gehandelt haben und vom finsteren Agomar angeführt wurden, der mittlerweile Hauptmann in Diensten Ostjerniks ist.

Mikael, so wollen wir ihn fortan nennen, schwört Rache an Agomar und an Fürst Ostjernik…

Fazit: Mit „Der Junge, der Träume schenkte“ und „Das Mädchen, das den Himmel berührte“ hat Luca di Fulvio bewiesen, dass er wirklich gute historische Romane schreiben kann. Daher war ich relativ optimistisch, dass mir auch „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ gut gefallen würde. Nach einiger Zeit musste ich jedoch mit Schrecken feststellen, dass ich so gar keinen Bezug zu diesem Buch aufbauen konnte. Umso mehr habe ich beschlossen, dass dieses Buch mir unbedingt gefallen muss, weil nicht sein kann, was nicht sein darf! Wirklich geholfen hat dieser Beschluss tragischerweise nicht…

Wie auch in seinen früheren Romanen merkt man di Fulvio an, dass er ein überdurchschnittlich guter Geschichtenerzähler ist. Leider ist der Stil aber auch der einzige Anhaltspunkt, der für mich darauf hindeutet, dass er das Buch selbst geschrieben hat.

Die Charaktere des Buches sind wirklich erschreckend nichtssagend: Wir hätten da Mikael, den strahlenden Helden der Geschichte. Vom Schicksal arg gebeutelt, gibt er jedoch niemals auf, verfolgt immer sein Ziel, setzt sich ein für die Menschen, die er liebt, um letztlich…würg! Fürch-ter-lich! Ziemlich überzeichnet.

Der gute Mikael ist allerdings so gar nichts im Gegensatz zum Fürsten von Ostjernik! Der geneigte Leser hat bereits nach realtiv kurzer Zeit begriffen, dass er der ganz dolle pöse, pöse Antagonist ist. Da hilft es dann wenig, die 382. Hinrichtung oder die Vergewaltigung seiner eigenen Tochter zu schildern. Ostjernik ist im Grunde nur böse und grausam, mehr macht seine Person nicht aus. Über die Gründe für diese Wesensentwicklung erfährt der Leser eigentlich nur, dass Ostjernik selbst keine Liebe durch seine Eltern erfahren hat. Och, der Ärmste!!! Ja gut, dass seine Eltern ihm eher mit Abneigung begegnen, liegt vielleicht auch daran, dass Klein-Ostjernik bereits in seiner Kindheit Tiere gequält hat und auch sonst ein ziemlich seltsames Kind war. Da fällt es einem vielleicht irgendwie schwer, eine intensive Beziehung zu dem Jungen aufzubauen. Wenn Mikael ziemlich überzeichnet ist, dann ist Fürst Ostjernik hoffnungslos überzeichnet. Der Sheriff von Nottingham ist dagegen ein pazifistischer Zen-Buddhist! Überhaupt erinnerte mich die ganze Geschichte irgendwie an „Robin Hood“, nur in schlecht.

Im Bereich der Charaktere könnte ich noch viele weitere verunglückte und/oder überflüssige Personen nennen. Als einziges Beispiel sei hier noch Raphael genannt, eine Art Lehrmeister für Mikael, dessen Vergangenheit lange im Dunkel bleibt und erst kurz vor Ende des Buches überaus unspektakulär geschildert wird. Jener Raphael ist bestrebt, Mikaels körperlichen Zustand zu verbessern, der Junge soll Muskeln bekommen. Daher lässt er ihn unter anderem eine größere Fläche Erde aufhacken, nicht ohne ihm dabei die richtige Technik zu zeigen. Und in diesem Zusammenhang erklärt Raphael seinem jungen Schützling dann etwas von „Trägheit der Masse“! Trägheit der Masse!!! Na, Mensch, wenn Galilei und Newton gewusst hätten, dass bereits ein Einsiedler im Jahre des Herrn 1407 sowas kennt, dann hätten sie sich ihre ganze Forschung schenken können!

Letztlich scheitert das Buch für mich aber nicht an den miesen Charakteren sondern schlicht an der Geschichte selbst. 830 Seiten, die von vorn bis hinten vorhersehbar sind! Keine überraschende Wendung, keine beiläufig um die Ecke gebrachten Personen, keinerlei Spannung. Stattdessen gleitet das Buch bisweilen in die Kitsch-Ecke ab. Passend dazu fehlen auch nicht solche Sätze wie „Ich lasse Dich nicht zurück!“ (Ein Klassiker!) oder „Jedes Mal wenn Du mich küsst, macht mein Herz einen Sprung“ oder „Ich liebe Dich, weil ich gar nicht anders kann“ oder auch (nicht zu toppen, meiner Meinung nach) „Lieber sterbe ich in Deinen Armen, als ohne Dich zu leben!“

Jetzt, da ich diesen ganzen Murks nochmal rausschreibe, frage ich mich, warum ich mich während der Lektüre nicht fortwährend übergeben habe!

Als Kontrastprogramm gibt es dann einige Kampf- und Action-Szenen, die wohl für das gefühlsduselige oben erwähnte Geschwurbsel entschädigen sollen, sich aber eher durch sinnlos beschriebene übertriebene Gewalt auszeichnen.

Im Grunde genommen liest sich das Ganze nicht wie ein di Fulvio. Eher liest es sich wie Iny Lorentz! Meine Theorie daher ist, dass der gute Luca keine Idee für sein neues Buch hatte. Daraufhin hat er Iny Klocke und Elmar Wohlrath (besser bekannt als Iny Lorentz) gefragt, ob sie ihm nicht helfen können. Die haben daraufhin zugesagt und Rosamunde Pilcher kontaktiert. Und dann haben diese vier im Rahmen einer Scéance die Gebrüder Grimm beschworen und alle sechs zusammen haben dann dieses Machwerk verbrochen, unter Zuhilfenahme von ca 16.000 Flaschen Rotwein. Und irgendwem ist dann aufgefallen, dass noch ein wenig Action fehlt, woraufhin man sich die Unterstützung von Peter Jackson gesichert hat, der für den Gewalt-Anteil im Buch zutändig war.

Oder aber, nur so ganz vielleicht, Luca di Fulvio war es doch selbst und hat einfach mal ein schlechtes Buch geschrieben. Man weiß es nicht.

Wertung

Handlung 3,5 von 10 Punkten

Charaktere: 3 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 3 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 4,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Totengleich“ von Tana French. Es ist mal wieder Krimi-Zeit. Bitte, bitte, liebe Frau French, enttäuschen Sie mich nicht auch noch…

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8 Kommentare zu „„Das Kind, das nachts die Sonne fand“ von Luca di Fulvio – Ghostwriter???

  1. Hallo, ich lese gerade „Das Mädchen, das den Himmel berührte“, die anderen zwei habe ich schon gelesen. Deine Beschreibung passt gut, ich muss aber dazu noch sagen, bei dem jetzigen Buch war auch schnell klar wer zusammen kommt, noch bevor sie sich begegnen. Alles in allem, viel Herz-Schmerz. Dennoch, durch den historischen Hintergrund macht es Spaß zu lesen. Aber generell bin ich nicht so für Liebesschnulzen zu haben.
    VG

    Gefällt 1 Person

    1. Zugegeben, auch „Das Mädchen, das den Himmel berührte“ hat phasenweise einen hohen Herz-Schmerz-Wert, allerdings weit unterhalb der Übelkeitsgrenze, finde ich. Bei „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ hat di Fulvio diese Grenze mühelos mehrfach überschritten! 😉

      Dazu kommt halt noch die von vorn bis hinten vorhersehbare Handlung!

      Di Fulvio kann hervorragende historische Romane schreiben, die – meiner Meinung nach – fast an Ken Follett zu dessen Bestzeiten heranreichen, aber „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ gehört eindeutig nicht dazu! .-)

      Gefällt 1 Person

  2. Hallöchen mein Herz 🙂
    Also, eine gelungene Rezension ist dies allemal 😀 Vielen Dank erst einmal dafür 🙂
    Aber hast du wirklich die Brüder Grimm mit Iny Lorenzt und Rosamunde Pilcher in einen Topf geworfen? o.O Da musste ich ja schon etwas schlucken^^ Mir ist bewusst, dass nicht jeder meine Begeisterung für die Märchen und die Chraktere besagter Brüder teilt, aber das haben sie nicht verdient 😉
    Nichtsdestotrotz habe ich deine Rezension, wie auch all deine anderen, mit Begeisterung gelesen und werde dies auch weiterhin tun 🙂
    Hab dich lieb!

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallöchen,
      nun, die Gebrüder Grimm wurden meiner Theorie nach im Rahmen der Scéance quasi zur Mitarbeit gezwungen, die hatten gar keine andere Wahl! Pentagramme, und so… 😉 Ein qualitativer Vergleich zwischen den Herren einerseits und den Lorentz- und Pilcher-Machwerken andererseits verbietet sich ohnehin!
      Ich wollte damit nur andeuten, dass sich das Buch von di Fulvio stellenweise eben wie eines der altbekannten Märchen besagter Brüder liest. Was mir jetzt nicht sooooo gefallen hat! 😉
      Ich Dich auch!

      Gefällt 2 Personen

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