„Das Haus am Abgrund“ von Marc Freund – Steil bergab

Buch: „Das Haus am Abgrund“ (2013)

Autor: Marc Freund

Verlag: Boyens

Ausgabe: Taschenbuch, 300 Seiten

Der Autor: Marc Freund, geboren 1972 in Flensburg, hat bereits 1989 seine erste Kurzgeschichte veröffentlicht. 2009 gewann er einen Kurzgeschichtenwettbewerb mit „Über ihnen schwebte der Tod“, auch als Hörbuch veröffentlicht. Neben seinen Kurzgeschichten hat Freund auch zwei Krimis geschrieben, „Endstation Steilküste“ und eben „Das Haus am Abgrund“. Er arbeitet hauptberuflich in erster Linie als Hörbuchautor.

Das Buch: Der Industrielle Siegfried Waldow liegt im Sterben. Kurz vor seinem Tod sagt er im Beisein seiner Haushälterin Angela Vogt und seines Arztes Dr. Eckels: „In meinem Haus ist ein Verbrechen geschehen. Mord! Sie wurde…umgebracht!“ Dann verstirbt er.

Kurz nach seinem Tode verliest sein Testamentsvollstrecker das Testament. Angela Vogt hat ihren Sohn Dominik bevollmächtigt, an ihrer Stelle dort zu erscheinen. Er trifft im Amtsgericht auf Marieke Kielmann, die beiden jungen Leute finden im Gespräch heraus, dass sie sich aus frühester Kindheit flüchtig kennen. Marieke, lange Zeit im Heim und später bei eher lieblosen Pflegeeltern aufgewachsen, war so etwas wie die Ziehtochter von Waldow. In dessen Garten haben die Beiden früher zusammen gespielt.

Siegfried Waldow vererbt Marieke die Summe von 300.000,- € und sein Haus an der Ostsee. Dominiks Mutter, Angela Vogt, erhält als langjährige Haushälterin Waldows das Haus in Hamburg und eine monatliche Rente, die es ihr ermöglicht, dieses Haus auch zu erhalten.

Kurz danach macht sich Marieke auf in Richtung Norden, um ihr neues Eigentum in Augenschein zu nehmen. Dabei gehen ihr die letzten Worte Waldows, die mittlerweile die Runde gemacht haben, nicht aus dem Kopf. Hat er mit dem Haus, in dem angeblich ein Mord geschehen sein soll, dieses Haus hier an der Küste gemeint? Oder sein Haus in Hamburg?

Dieselbe Frage stellen sich auch Dominik und seine Mutter. Schließlich bricht Dominik beunruhigt ebenfalls in Richtung Ostsee auf, um sich nach Mariekes Wohlbefinden zu erkundigen.

Diese hat die Zeit mittlerweile genutzt, um ihr Haus in einen wohnlichen Zustand zu versetzen und sich ein wenig in der Nachbarschaft umzuhören. Nur warum reagieren die Bewohner der kleinen Dorfes so abweisend auf sie, sobald sie wissen, in welchem Haus sie wohnt? Und was sind das für Geräusche, die da mitten in der Nacht auf ihrem Dachboden zu hören sind?

Marieke und Dominik versuchen, Licht in das Dunkel zu bekommen und heraus zu finden, ob an den letzten Worten Waldows tatsächlich etwas dran ist…

Fazit: „Das Haus am Abgrund“ ist mit seinen 300 Seiten ein recht kurzer Krimi. Marc Freund hält sich daher nicht mit solchen Belanglosigkeiten wie Charakterbeschreibungen auf, sondern konzentriert sich ganz auf seine Geschichte. Schade nur, wenn die dann einige Schwächen hat…

Tatsächlich scheint es Freund nicht für nötig zu halten, dem Leser mehr Informationen über seine Charaktere zu vermitteln als absolut unbedingt nötig. Gut, bei einem Umfang von 300 Seiten erwarte ich jetzt keine Sozialstudie, aber so ein wenig mehr wäre ganz toll gewesen. Über Marieke erfährt der Leser im Grunde genommen nur, dass sie „schulterlange rötlichbraune Haare“ und „ein fein geschnittenes, fast zierliches Gesicht“ hat. Und eben den oben erwähnten familiären Hintergrund. Das war es aber auch schon… Über die anderen Personen erfährt man sogar weniger… Und die Information zu Mariekes Familie muss der Autor schon deswegen kundtun, weil er sie im späteren Verlauf nochmal für eine, ähm, spektakuläre Wendung braucht, die aber, wie vieles in diesem Krimi, arg konstruiert wirkt.

Dafür hat Freund aber einen gefälligen, zweckmäßigen Schreibstil. Nur reicht der alleine halt eher selten aus, damit ein Buch wirklch gut ist…

Das eigentliche Problem des Buches liegt für mich aber in der Geschichte selbst. Kurz nach ihrem Einzug hört Marieke auf ihrem Dachboden verdächtige Geräusche, schließlich Schritte. Von diesem Punkt an hätte man eine schöne Poltergeist-Geschichte schreiben können. Freund jedoch hat sich entschlossen, seine Geschichte lieber in den Sand zu setzen. Zu viele Dinge, wie die erwähnte „spektakuläre Wendung“ wirken einfach zu sehr konstruiert! Auch war der Ausgang der Geschichte für mich frustrierend früh zu erraten. Auf all das kann ich inhaltlich natürlich nicht im Detail eingehen, ohne massiv zu spoilern. Ihr werdet mir da also einfach vertrauen müssen.

Die Stelle, die mich im Buch am meisten gestört hat, die kann ich aber mal beschreiben: Der dolle böse Mörder hat Dominik in seine Gewalt gebracht. Dominik erwacht aus seiner Ohnmacht (in solchen Büchern wird immer irgendwann irgendjemand ohnmächtig) und wähnt sich in einem Silo eingesperrt. Später stellt sich der Silo als Brunnenschacht heraus. Es ist leider nicht möglich, die Natursteinwand einfach heraufzuklettern. Aber glücklicherweise ist der Brunnen schmal genug um sich an einer Seite mit den Händen abzustützen und an der anderen mit den Füßen. Auf diese Weise, also quasi quer, also praktisch waagerecht, im Brunnen steckend bewegt sich Dominik dann nach oben. Okaaaay, so weit, so anstrengend. Aaaaber: (Textauszug)

„Nach etwa 40 Minuten hatte er fast die halbe Distanz überwunden und hing kopfüber und keuchend im Schacht.“

BITTE??? Da kraxelt jemand waagerecht zum Boden mit ausgestreckten Armen und Beinen einen Brunnenschacht hoch (und schafft es dann auch noch zwei halbrunde Betondeckel wegzuschieben, aber das soll uns jetzt mal nicht interessieren…) und macht das Ganze über einen Zeitraum von 40 Minuten, die für „fast die halbe Distanz“ reichen??? Dann braucht der für die zweite Hälfte nochmal so 50 Minuten und ist dann nach 90 Minuten draußen, ja!? Na, DAS möchte ich sehen.

Ich möchte ja jetzt niemanden ermutigen, in Silos oder Brunnenschächte zu springen, aber wer es mal ausprobieren sollte, der kann dann ja mal schauen, ob er oder sie das 90 Minuten, oder auch nur 40, durchhält! Wer das als erstes schafft und ein aussagekräftiges Video davon bei youtube reinstellt, dem schenke ich die komplette Ausgabe von Marcel Prousts Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“… 😉

Langer Rede kurzer Sinn: Entschuldigung, Herr Freund, das war zwar nicht nichts, aber das war fast nichts!

Bewertung:

Handlung: 5 von 10 Punkten

Charaktere: 2,5 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Spannung: 4 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 4,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Noah“ von Sebastian Fitzek. Erstens, weil ich seine Bücher mag. Und zweitens, damit diese im Dunkeln leuchtende Hand auf dem Cover so schnell wie möglich von meinem Bücherstapel verschwindet…

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