„Die Philosophin“ von Peter Prange – Alles klärt sich auf

Buch: „Die Philosophin“ (2003, Auflage von 2014)

Autor: Peter Prange

Verlag: S. Fischer

Ausgabe: Taschenbuch: 557 Seiten

Der Autor: Peter Prange ist ein 1955 in Altona geborener Schriftsteller. Nach seinem Studium der Romanistik, Germanistik und Philosophie und einer Promotion über das Zeitalter der Aufklärung war Prange lange Zeit in Wirtschaft und Wissenschaft tätig. Seit vielen Jahren ist er hierzulande einer breiten Leserschaft als Autor historischer Romane ein Begriff. Neben einigen Sachbüchern hat Prange bereits 11 historische Romane veröffentlicht, die in insgesamt 19 Sprachen übersetzt wurden.

Das Buch: Frankreich im Jahre 1740, mitten im Zeitalter der Aufklärung: Die elfjährige Sophie Volland ist ein aufgewecktes junges Mädchen. Ihre Mutter hat ihr bereits früh das Lesen beigebracht und ihr sich häufig auf Reisen befindlicher Vater versorgt sie regelmäßig mit Büchern. Nun bereitet sie sich voller Aufregung auf ihre Kommunion vor. Zur Beruhigung bekommt sie von ihrer Mutter einen Kräutertrunk verabreicht. Davon wird Sophie allerdings so übel, dass sie sich in der Kirche übergeben muss und die Hostie auf den Pfarrer erbricht. Sophies Mutter wird daraufhin wegen Hexenwerks angeklagt und zum Tode verurteilt. Das Mädchen muss die Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen mitansehen.

Sie wird in ein nahes Kloster gebracht, wo sie die nächsten Jahre verbringt. Im Alter von 18 Jahren reist sie nach Paris und findet schließlich eine Anstellung im Café Procope, einem berühmten Treffpunkt für Schriftsteller und Philosophen der Aufklärung. Dort lernt sie auch Denis Diderot kennen und lieben. Diderot, gut zehn Jahre älter als Sophie, beginnt gerade ein Projekt ungeheuren Ausmaßes: Zusammen mit dem Schriftsteller d´Alembert und dem Verleger Le Bréton möchte er das größte Wörterbuch der Welt herausbringen, eine „Enzyklopädie“, die das gesamte Wissen der Menschheit enthält, mit einer Unzahl an Einzelartikeln und Querverweisen.

Sophie bemerkt bald, dass Diderot diesem Projekt alles unterordnet und für sie kein Platz in seinem Leben ist. Daher entschließt sie sich, den jungen Polizeioffizier Antoine Sartine zu heiraten. Der wiederum ist beauftragt, als Spitzel sämtliche aufklärerischen Umtriebe im Café Procope unter die Lupe zu nehmen. Schließlich gerät auch Denis Diderot ins Visier seiner Ermittlungen.

Fazit: Peter Prange erzählt den Lebensweg von Sophie Volland und Denis Diderot und die Geschichte der Enzyklopädie über einen Zeitraum von 1740 bis 1794. Nach der Heirat mit Sartine verlieren sich die beiden nie ganz aus den Augen, zeitweise arbeitet Sophie sogar an der Enzyklopädie mit, einem wahren Mammutprojekt für damalige Verhältnisse: Der erste Band erschien 1751, der 35. und letzte 1780. 142 Enzyklopädisten haben über 72.000 Artikel verfasst, einer der Enzyklopädisten, Louis de Jaucourt, hat allein 17.266 Artikel geschrieben – am Ende des Projekts war er pleite und wurde von Diderot äußerst undankbar als „pedantischer Vielschrieber“ bezeichnet. Allein die Beschreibung dieses großen Unternehmens hätte die die doppelte Anzahl an Seiten verdient. Prange begnügt sich jedoch mit 557 Seiten. Sehr schade. Denn gerade mit der Geschichte der Enzyklopädie konnte Prange bei mir punkten. In anderen Bereichen eher weniger.

Die Probleme fangen für mich bereits mit einigen Charakteren an. Sophie Volland ist die Tochter von Madeleine, die als Bedienstete am Hofe eines Barons wohnt und von Dorval, einem Kiepenkerl, man könnte auch Hausierer sagen. Und der bringt ihr Bücher mit? Ein Hausierer? Ja, nee, kosten ja nichts die Dinger in Frankreich Mitte des 18. Jahrhunderts! Mit den Unsummen, die ein Kiepenkerl mit dem Verkauf von Kupferkesseln, Kämmen und Gedöns verdient, ist das natürlich gar kein Problem… Und wer von den beiden Elternteilen mit der umfassenden humanistischen Bildung des dritten Standes im 18. Jahrhundert hat ihr denn lesen beigebracht??? Nee, also den familiären Hintergrund von Sophie nehme ich Herrn Prange einfach nicht ab. (Neugieriges googlen hat dann auch die Information erbracht, dass Herr Prange in diesem Bereich, nun, sagen wir mal, „etwas“ an der historischen Wahrheit gedreht hat: Ihr Vater war Advokat am Parlament und Generalinspekteur der Pachtgüter seiner Majestät. Und ihre Mutter wurde niemals nicht verbrannt. Das hätte man auch einfach so lassen können, aber dann wäre natürlich der hochdramatische Anfang des Buches weggefallen…)

Auch andere Charaktere erschließen sich mir nicht so ganz: Antoine Sartine z. B. ist der Stereotyp eines Bösewichts der Polizei, das gab´s bereits hundertmal besser in „Les Misérables“ von 1882.

Stilistisch macht Prange dann wieder einiges Boden gut. Die Beschreibungen des dreckigen Paris´ in der Mitte des 18. Jahrhunderts sind ihm gut gelungen. Der Schauplatz und die Atmosphäre des Café Procope (das gibt es heute noch!) mit seinen Schriftstellern, Philosophen und hitzigen Debatten wird gut wiedergegeben. Insgesamt kann man sagen, dass Prange gerade für historische Romane eine ziemlich gute Schreibe hat!

Inhaltlich sind wir sehr schnell wieder bei dem Problem mit den 557 Seiten. Das Hin und Her der Liebesgeschichte zwischen Sophie und Diderot war mir leider Gottes vollkommen wurscht – weil mir eben die Charaktere vollkommen wurscht waren. Irgendwie nahm das nur Platz weg! Und dass Prange bei jeder romantischen Szene schreibt, Sophie habe das Gefühl von „Mücken im Nacken“ macht es auch nicht besser, die inflationäre Verwendung einer Formulierung nervt. Wenn wir also den gefühlduseligen Teil (den eine Fülle von Autoren übrigens ansprechender hätte schreiben können) weglassen, dann bleibt größtenteils die Enstehungsgeschichte der Enzyklopädie. Und dieser Teil des Buches war auch wirklich spannend. Hätte Prange ein Sachbuch aus dem Thema gemacht, ich hätte es verschlungen! Hat er aber nicht…

Letzten Endes hat es Peter Prange geschafft, mich nach der Lektüre seines Buches zu einer längeren Google-Sitzung zu verleiten, um die im Buch erwähnten Informationen zu vertiefen. Dass dieses Googeln für mich spannender und informativer war als das Buch selbst, das lasse ich jetzt mal unkommentiert…

Wenn sich mal wieder die Gelegenheit ergibt, werde ich sicher noch weitere Bücher Pranges lesen, denn, trotz aller Schwächen von „Die Philosphin“: Dass Prange schreiben kann, das merkt man. Vielleicht habe ich mit einem seiner anderen Romane mehr Glück.

Fazit:

Handlung: 7 von 10 Punkten

Charaktere: 5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Haus am Abgrund“ von Marc Freund. Es ist ja nicht so, dass ich keine Krimis mehr hätte… 😉

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Ein Kommentar zu „„Die Philosophin“ von Peter Prange – Alles klärt sich auf

  1. Vielen Dank für diese überaus lesenswerte Rezension! Ja, mit der historischen Genauigkeit ist das immer so eine Sache. Ich kann die Kritik deshalb gut nachvollziehen. Die Punktevergabe in vier Unterkategorien finde ich übrigens sehr gut! Jetzt warte ich gespannt darauf, ob der Reisswolf einmal die Höchstpunktzahl vergibt oder ob er seinem sprechenden Namen weiterhin treu bleibt 😉

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