„Der amerikanische Architekt“ von Amy Waldman – Gefährliches Halbwissen

Buch: „Der amerikanische Architekt“ (2013)

Autorin: Amy Waldman

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 507 Seiten

Die Autorin: Amy Waldman, Jahrgang 1969, ist eine amerikanische Journalistin und Autorin. Sie studierte an der Yale University und arbeitetete anschließend einige Jahre für die „New York Times“. Drei Jahre lang war sie Mitleiterin des Zeitungsbüros in Neu-Delhi. Anschließend war sie für die Zeitschrift „The Atlantic“ tätig.

„Der amerikanische Architekt“ ist ihr erster Roman.

Sie lebt mit ihrer Familie in Brooklyn.

Das Buch: New York, zwei Jahre nach den Terroranschlägen des 11. September 2001: Am „Ground Zero“ soll eine Gedenkstätte für die Opfer entstehen. Aus diesem Grund beginnt eine Ausschreibung. Jeder der sich dazu berufen fühlt, eine solche zu entwerfen und zu bauen, kann anonym einen Vorschlag zur Gestaltung des Mahnmals einreichen. Zur Entscheidungsfindung wird eine Jury ins Leben gerufen, bestehend aus Intellektuellen aller Art, Künstlern, Historikern usw. Als Vertreterin der Angehörigen der Opfer sitzt Claire Burwell mit am Tisch.

Am Ende des Ausschreibungsverfahrens sind nur noch zwei Vorschläge im Rennen, der „Garten“ und „das Nichts“. Claire empfindet „das Nichts“ als zu bedrückend und spricht sich vehement für den Garten aus. Im Laufe der Diskussion schafft sie es, die Mehrheit der Jurymitglieder auf ihre Seite zu ziehen. Der Garten macht das Rennen. Voller Spannung wird der Umschlag geöffnet aus dem die Identität des Einsenders hervorgeht. Dann macht sich Fassungslosigkeit unter den Jury-Mitgliedern breit: Der Einsender des Vorschlags ist niemand anderes als Mohammed Khan, Architekt, in Amerika geboren – und Moslem. Die Jury ist entrüstet. Ein Moslem? Niemals! So jemanden kann man doch nicht gewinnen lassen, oder!? Aber, nun ja, gewonnen ist ja eigentlich gewonnen…

Die Jury beschliesst, das Ergebnis vorerst geheimzuhalten und auszuloten, ob es eine juristisch wasserdichte Möglichkeit gibt, einen anderen Gewinner zu verkünden. Nur leider plaudert jemand aus dieser Jury sofort alles bei der Presse aus. Dadurch erfährt auch Mohammed Khan von seinem Sieg, und davon, dass er ihm wieder genommen werden soll. Er beginnt, um seinen Garten zu kämpfen, koste es, was es wolle.

Nur: Neben der Jury ist auch die ach so tolerante amerikanische Öffentlichkeit nicht begeistert davon, die Gedenkstätte von einem Moslem bauen zu lassen. Als sich dann noch herausstellt, dass der Garten angeblich Stilelemente muslimischer Gärten aufweist, gibt es im ganzen Land Proteste und Demonstrationen, bis hin zu Übergriffen gehen Muslime…

Fazit: Es gibt Bücher, bei denen ich schon beim Kauf die starke Vermutung habe, dass sie mir gut gefallen werden. „Der amerikanische Architekt“ gehört dazu. Und ich hatte recht! Amy Waldman behandelt ein Thema, dass im Moment auch hierzulande erschreckend aktuell ist: Den Umgang mit Muslimen und das gefährliche Halbwissen, dass die meisten über den Islam haben. Und das macht sie gut!

Im Vordergrund steht bei Amy Waldman eindeutig die Geschichte selbst. Sie hält sich nicht mehr als notwendig mit der Beschreibung und Erklärung ihrer Charaktere auf. Auch wenn zumindest die Hauptpersonen eine solide persönliche Hintergrundgeschichte haben, die wenigstens grob ihre Handlungsweise erklärt, so hätte ich mir in diesem Bereich ein wenig mehr Tiefe gewünscht. So machen z. B. einige Protagonisten im Laufe des Buches eine Wandlung ihrer Sichtweise durch, die sich mir nicht so wirklich erschlossen hat. Nun, vielleicht habe ich es auch einfach überlesen oder vielleicht gar nicht begriffen, aber ein wenig mehr Detailfülle hätte in diesem Bereich nicht geschadet, auch wenn ich zugegebenermaßen auf relativ hohem Niveau jammere.

Aber wie gesagt, im Vordergrund steht nun mal die Geschichte, deswegen verzichtet Amy Waldman auch auf sprachliche Kapriolen aller Art und bewegt sich stilistisch auf sicherem aber unspektakulärem Terrain. Das ist aber zumindest insofern förderlich, als es hilft, den Roman trotz des vielleicht nicht leicht verdaulichen Themas schnell durchzulesen. Sprachlich jedenfalls fällt „Der amerikanische Architekt“ weder positiv noch negativ besonders auf.

Kommen wir also zu dem, was, ich erwähnte es, im Vordergrund steht: Zu der Geschichte. Und die ist großartig!

Mohammed „Mo“ Khan kämpft tapfer um seinen Entwurf. Er ist nicht bereit, auch nur ein Detail daran zu ändern oder den Entwurf näher zu erläutern, mit der Begründung, dass niemand das von ihm fordern würde, wenn er Christ wäre. Das wiederum stachelt die amerikanische Gesellschaft nur weiter an, gegen den Garten vorzugehen. Sie sehen darin einen Entwurf des islamischen Paradieses und somit mehr eine Gedenkstätte für die Attentäter als für die Opfer. Nicht zuletzt unter Mithilfe der Medien bekommt der Widerstand gegen den Garten eine Eigendynamik die auch zu Gewalt führt. Ein wunderbares Beispiel dafür, was passiert, wenn Menschen einfach nicht miteinander reden wollen oder können.

Dabei hatte ich während des Lesens immer den Eindruck, dass diese Geschichte genau so auch in der Realität passieren könnte und wahrscheinlich würde.

Mit „Der amerikanische Architekt“ hat Amy Waldman nicht nur ein gutes Buch geschrieben, sie hat auch ein wichtiges Buch geschrieben! Ich verstehe es als einen Aufruf, miteinander zu kommunizieren, um Halbwissen und Vorurteile abzubauen und den oft erwähnten „clash of cultures“ zu vermeiden. Man sollte dieses Buch an jeden Teilnehmer der unsäglichen Pegida-Demos verteilen. Na, oder zumindest an den verschwindend geringen Teil der Teilnehmer, die des Lesens mächtig sind…

Wertung:

Handlung: 10 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Anspruch: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 vom 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die Philosphin“ von Peter Prange. Es wird einfach mal wieder Zeit für einen historischen Roman.

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