„Die amerikanische Nacht“ von Marisha Pessl – Terribilis est locus iste…

Buch: „Die amerikanische Nacht (2014)

Autorin: Marisha Pessl

Verlag: S. Fischer

Ausgabe: Taschenbuch

Die Autorin: Marisha Pessl, geboren 1977, ist die Tochter einer amerikanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Sie studierte Englische Literatur an der Northwestern University und der Columbia University. Im Jahr 2006 erschien ihr genialer Debüt-Roman „Die alltägliche Physik des Unglücks“. Eine Roman über eine Vater-Tochter-Beziehung, der bis oben hin vollgestopft mit Zitaten und Verweisen auf (zum Teil fiktionale) andere Bücher ist. Ein Roman, dessen Einstieg so schwierig ist, dass man sich zum Weiterlesen zwingen muss. International hochgelobt, wurde ihr Werk von deutschen Kritikern als „postmoderne Besserwisser- und Zitatliteratur“ und sie selbst als „new American Streber“ bezeichnet. – Ich allerdings fand das Buch großartig!

Über 8 Jahre hat es gedauert, bis jetzt mit „Die amerikanische Nacht“ ihr zweiter Roman erschienen ist. Ein Studium wollte erst beendet und eine Schreibblockade überwunden werden.

Das Buch: Stanislav Cordova ist der Star-Regisseur des Horrorfilms. Seine Filme sind mysteriös, bösartig, düster, schockierend. Sie werden auch nicht in Kinos gezeigt, sondern bei nächtlichen illegalen Vorführungen in Kellern und an ähnlichen Orten. Cordova selbst ist ähnlich mysteriös wie seine Filme. Im Jahr 1977 gab der Regisseur sein letztes Interview für das Rolling-Stone-Magazine, seitdem ist er förmlich von der Bildfläche verschwunden. Seit Jahren ist kein neuer Film von ihm erschienen. Stattdessen hat er sich ein großes Herrenhaus gekauft, genannt „The Peak“, mit einem riesigen Grundstück, eingezäunt und mit Stacheldraht gesichert. Dort verschanzt er sich vor der Außenwelt.

Der investigative Journalist Scott McGrath hat vor einigen Jahren über Cordova recherchiert. Im Zuge dieser Recherchen teilte ihm ein Informant telefonisch mit: „Er (Cordova) stellt irgendwas mit den Kindern an…“ McGrath bringt die Geschichte an die Öffentlichkeit, kann aber nichts beweisen, sein Informant ist spurlos verschwunden. Cordova reagiert mit einer Verleumdungsklage, Scott wird verurteilt, verliert seinen Job, eine Viertelmillion Dollar und letztlich auch seine Ehefrau.

Dann begeht Ashley Cordova, die 24-jährige Tochter de Regisseurs, Selbstmord. Scotts Spürsinn erwacht aufs Neue und zusammen mit der Möchtegern-Schauspielerin Nora und dem Drogenfreak Hopper ermittelt er und versucht, der Ursache für Ashleys Selbstmord auf die Spur zu kommen. Und letztlich führen alle Hinweise nach „The Peak“, dem unheimlichen Landsitz Cordovas. Welche Geheimnisse verbergen sich dort…?

Fazit: Wie schwer es ist, über dieses Buch eine angemessene Rezension zu schreiben, bemerke ich genau jetzt, da ich es tue. „Die amerikanische Nacht“ lässt sich nicht in Schubladen stecken oder gar einem bestimmten Genre zuordnen. Irgendwie ist von allem etwas dabei. Aber wie immer: Ich versuch´s trotzdem:

Scott McGrath beginnt die Nachforschungen über den Tod Ashley Cordovas zusammen mit seinen beiden Mitstreitern. Der Weg führt sie in eine psychiatrische Einrichtung, in der Ashley wenige Wochen vor ihrem Tod eingeliefert wurde – und aus der sie später ausgebrochen ist. Das Ermittlerteam versucht, Ashleys Aufenthaltsorte in der Zeit zwischen ihrer Flucht aus der Klinik und ihrem Tod heraus zu finden. Dabei führt eine Spur zur nächsten, von einem Klaviergeschäft zu einer heruntergekommenen Wohnung und so weiter.

Das klingt alles nach einem handelsüblichen Krimi oder Thriller, aber „Die amerikanische Nacht“ ist mehr, ist außergewöhnlicher. Als ein Beispiel dafür kann man anführen, dass ein Großteil der Unterlagen, die McGrath während seiner Recherchen sammelt (Kopie des Polizeiberichts, Screenshots von Internetseiten, Fotos, Mitschriften von Telefonaten etc.) dem Leser nicht nur beschrieben werden, sie sind im Buch abgedruckt!!! Das verleiht der Geschichte nochmal zusätzlich Authentizität. Mir ist bisher kaum ein Buch untergekommen, das schon von der Aufmachung her soviel hergibt.

Die Charaktere sind schlicht und ergreifend große Klasse, und zwar alle, bis in scheinbar unwichtige Nebenfiguren. Besonders Scott und Nora haben es mir angetan. Die beiden nennen sich untereinander in Anlehnung an die Journalisten der Watergate-Affäre Woodward und Bernstein. Ein sehr symphatisches Duo, ergänzt um den Schmalspur-Dealer Hopper, der entweder gerade vollkommen dicht ist oder aber einen Geistesblitz hat. Charaktere, an die ich mich auch in einiger Zeit noch gerne erinnern werde.

Stilistisch kann man Marisha Pessl ebenfalls wenig vorwerfen. Dass sie schreiben kann, hat sie mit ihrem Erstlingsroman bereits bewiesen. Dass sie aber auch so schreiben kann, dass man einen Satz nicht fünfmal von vorne anfangen muss, dass hat sie jetzt erst gezeigt. Der Roman war sehr flüssig zu lesen, so dass ich es kaum fassen konnte, als die 800 Seiten schon vorbei waren.

Wenn man unbedingt etwas zu meckern suchen möchte, dann Folgendes:

Marisha Pessl hat mit „Die amerikanische Nacht“, einen Krimi geschrieben, einen Thriller, einen Horrorroman, einen Fantasy-Roman, eine Gothic-Novel, einen…ja, was denn nun eigentlich? Ich hatte phasenweise das Gefühl, als hätte die Autorin sich selbst nicht ganz für ein bestimmtes Genre entscheiden können und sich gedacht: „Na, mal schauen, wo mich das alles hinführt…“

Nun, letztlich hat es immerhin dahin geführt, dass sie ein wirklich gutes Buch geschrieben hat. Die einzelnen Ergebnisse von Scotts Recherchen scheinen lange Zeit kein Gesamtbild zu ergeben, erst auf den letzten ca. 150 Seiten fügt sich ein Teil puzzlemäßig ins andere und letztlich passt alles zusammen wie ein Zahnradgetriebe. Großes Kino!

Nun kann ich eigentlich nur hoffen, dass die gute Marisha sich nicht wieder 8 Jahre Zeit bis zu ihrem nächten Buch lässt…

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 10 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Spannung: 7,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Schon wieder „amerikanisch“. Diesmal: „Der amerikanische Architekt“ von Amy Waldman. Eine Geschichte über New York und Amerika nach dem 11. September. Also etwas Anspruchsvolles, ich möchte Euch ja nicht unterfordern! 😉

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