„Das Küstengrab“ von Eric Berg – Whodunit?

Buch: „Das Küstengrab“ (2014)

Autor: Eric Berg

Verlag: Limes

Ausgabe: Taschenbuch, 413 Seiten

Der Autor: Eric Berg ist das Pseudonym des deutschen Schriftstellers Eric Walz, geboren 1966 in Königsstein. Nach einer Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und mehreren Jobs, u.a. bei einer Versicherung, einem Versandhaus und mehreren Telekommunikationsunternehmen sowie einem erfolgreich abgebrochenen Germanistik-Studium verlegte sich Eric Berg (ich bleibe einfach mal bei dem Pseudonym) im Alter von 32 Jahren gänzlich auf das Schreiben. Seitdem hat er sich hauptsächlich als Autor historischer Romane einen Namen gemacht. Unter dem Pseudonym Eric Berg wurden bislang drei Krimis veröffentlicht: „Das Nebelhaus“ (2013), „Das Küstengrab (2014) und „Schrei“ (2015).

Das Buch: Lea Mahler hat ihre Kindheit und Jugend auf der Insel Poel verbracht. Kurz nach der Wende ist sie Hals über Kopf mit ihrem Künstlerfreund Carlos nach Argentinien ausgewandert. 23 Jahre später kehrt Lea nach Poel zurück und wird dort bei einem Autounfall schwer verletzt, ihre Schwester Sabina kommt dabei ums Leben. Lea wird in einer Klinik behandelt und leidet seitdem unter Amnesie. Sie kann sich weder an den Unfall noch an den Grund ihres Aufenthaltes auf Poel erinnern.

Nach ihrer Entlassung fährt sie daher sofort wieder dorthin, um herauszufinden, warum sie auf der Insel war und wieso ihre Schwester Sabina dort war, die sie seit 23 Jahren nicht mehr gesehen hat.

Dabei braucht sie die Unterstützung ihrer damaligen Clique: Pierre hat nach dem Medizinstudium eine Arztpraxis auf der Insel eröffnet, die Geschwister Harry und Margret kümmern sich dort um ihre kranke Mutter, Mike hat eine gutgehendes Unternehmen, eine Menge Geld und ist jetzt mit Jaqueline verheiratet.

Doch mit der Zeit stellt sich heraus, dass die Freunde unterschiedliche Angaben über den Grund von Leas Aufenthalt machen. Wer von ihnen lügt? Und warum? Und hat das Ganze etwas mit dem seit 1990 verschwundenen Julian zu tun, der ebenfalls Mitglied von Leas Clique war? Was also versucht man vor Lea zu verbergen?

Fazit: Eric Berg war mir bis dahin überhaupt kein Begriff. Eigentlich habe ich zu diesem Buch nur gegriffen, weil Herbst- und Winterzeit eben Krimizeit bei mir zu sein scheint, und weil das Cover so hüsch ist: Ostdeutscher Strand mit Holzzaun und Leuchtturm, sehr malerisch. Nun, ich habe einen Glücksgriff getan!

Der Autor beschreibt in den Kapiteln abwechselnd die Nachforschungen von Lea im September 2013 und die ihrer Schwester Sabina vier Monate früher. Oft habe ich mir gewünscht, dass ein Kapitel doch nicht jetzt unbedingt genau hier an dieser Stelle aufhören würde, weil ich doch unbedingt wissen will, wie es an dieser Stelle weitergeht. Am Ende des Folgekapitels ging es mir oft genau so. Irgendwas muss der Autor da also richtig machen!

Stück für Stück erfährt der Leser auf diese Weise, was Lea auf diese Insel geführt hat und was damals zu Zeiten der Wende auf der Insel passiert ist. Spätestens nachdem sich herausstellt, dass der seit damals vermisste Julian definitiv tot ist, entwickelt sich das Ganze zu einem tollen „Whodunit“-Krimi: Ein von der Außenwelt mehr oder weniger abgeschnittener Schauplatz, ein paar mögliche Verdächtige und zwei Schwestern, die versuchen, ein Geheimnis zu ergründen. Das erinnert ein bisschen an Agatha Christie. Kein schlechter Vergleich für einen Krimiautoren, denke ich!

Während die Handlung voranschreitet und der Leser versucht zu erraten, wie das Buch ausgeht und wer was getan hat, (ich hatte mehrere Lösungen im Kopf – richtig war keine davon…) nimmt sich Eric Berg die Zeit, um sich intensiv mit seinen Charakteren zu beschäftigen. Jede Person wird dabei auf unterschiedliche Weise betrachtet. Beispiel Jaqueline: Die junge Frau wanderte nach der Wende nach Hollywood aus, um dort Karriere zu machen und kehrte Jahre später gescheitert wieder zurück. Dann angelte sie sich ihren Ehemann Mike und lebt nun in finanzieller Sicherheit. Ihre alte Jugendfreundin Margret ist bei ihr als Putzfrau angestellt. In Margrets Augen ist Jaqueline eine versnobte reiche Tussi, die sich für etwas Besseres hält, „Pingpong“-Tee trinkt und den ganzen Tag mit einer Freundin unterwegs ist oder Volkshochschul-Kurse besucht und außerdem ihren Hund verhätschelt und nicht mal ein bisschen Extra-Geld für Margret übrig hat.

Jaqueline wiederum ist eigentlich eine vollkommen unglückliche Frau. Sie leidet darunter, dass ihre ehemalige Freundin bei ihrer putzen muss, will damit aber eigentlich nur Gutes tun, damit Margret wenigstens etwas Geld nebenbei bekommt. Außerdem putzt sie, bevor Margret kommt, wie wild, damit diese eigentlich gar nichts zu tun hat. Darüber hinaus ist sie nur mit ihrer Freundin unterwegs, weil sie keine andere hat und die Volkshochschul-Kurse besucht sie, weil sie sich völlig unterfordert fühlt und nicht das Geringste mit sich anzufangen weiß. Und der verhätschelte Hund dient als Ersatz für die Kinder, die sie nie bekommen hat…

Diese vollkommen gegensätzliche Betrachtung der Charaktere gibt es im Buch für jeden einzelnen. Niemand ist das was er scheint. Ein Plädoyer dafür, dass man immer versuchen sollte, sich in sein Gegenüber hineinzudenken, bevor man über ihn urteilt und andere Meinungen zuzulassen, weil es für alles und jeden mindestens zwei Sichtweisen gibt. Herr Berg, das gefiel mir aber mal richtig gut!

Ingesamt hat mich „Das Küstengrab“ über weite Strecken wirklich begeistert! Ein wirklich gelungener Krimi, die beiden anderen werde ich defintiv in sehr kurzer Zeit nachholen. Dennoch muss ich einen halben Punkt abziehen für den „Einfall“ der Amnesie! Ich kann es einfach nicht mehr lesen, dieses „Ich kann mich an nichts erinnern“!!!

Wertung: 8,5 von 10 möglichen Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Babylon-Virus“ von Stephan M. Rother, ein weiteres Weihnachtsgeschenk.

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