Napoleon + Soldat James Ryan = gute Fantasy? „Die Tausend Namen“ von Django Wexler

Buch: Die tausend Namen

Autor: Django Wexler

Verlag: Heyne

Ausgabe: Broschiert, 877 Seiten

Der Autor:

Django Wexler war mir bis zum Kauf des Buches noch kein Begriff. Wexler, Jahrgang 1981 und studierter Informatiker, hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht. „Die tausend Namen“ ist jedoch das erste davon, das auch auf deutsch erschienen ist und stellt den Auftakt zu einer – wie so häufig – Fantasy-Trilogie dar.

Das Buch:

Das mächtige Königreich Vordan hat seinen Einflussbereich bis auf das jenseits des Dämonenmeers gelegene Land Khandar ausgedehnt. Dort herrscht der Marionettenprinz Exopter auf dem Zinnoberthron, regiert im Sinne der Vordanai – und füllt sich die eigenen Taschen mit Gold. Bis eine von religiösen Fanatikern ausgelöste Revolte losbricht und Exopter sowie die in Khandar stationierten Truppen der Vordanai gezwungen sind, aus der Stadt Ashe-Katarion zu fliehen.

In dieser Situation schickt der König Vordans den jungen Oberst Janus bet Vhalnich Mieran mit Verstärkung nach Khandar – offiziell um die Rebellion zurück zu schlagen und Ashe-Katarion zurück zu erobern. Janus jedoch verfolgt eigene Pläne, so will er unbedingt in den Besitz des mächtigen Artefakts der tausend Namen kommen…

Fazit:

„Puuuh“, war meine erste Reaktion, nachdem ich die knapp 900 Seiten dieses Buches hinter mir hatte. Nicht einmal, weil es schlecht wäre, dennoch hatte ich auf den letzten 150 Seiten den Wunsch, es möge doch bitte einfach nur vorbei sein… Woran lag das?

Wexler schreibt anschaulich, unkompliziert, so, wie man das eben aus den meisten Fantasy-Büchern gewöhnt ist. Er schafft es erfreulicherweise, erstaunlich wenig Charaktere in die Handlung einzubauen. Wie er das schafft, dazu später…

Die Hauptpersonen beschränken sich auf den eingangs erwähnten Oberst Janus, seinen Untergebenen, den Hauptmann Marcus d´Ivoire und den Soldaten, oder besser die Soldatin, Winter Ihernglass. Damit hat Wexler sozusagen alle Kommandostrukturen der Armee abgedeckt, so dass man detailierte Eindrücke vom Denken und Leben der Führungsoffiziere sowie der einfachen Soldaten bekommt – ein kluger Zug des Autors.

Diese drei Hauptcharaktere werden zu Beginn des Buches, so wie der Leser auch, mit der Ausgangssituation konfrontiert: Eine recht kleine Armee hat den Auftrag, eine zahlenmäßig sehr viel größere Armee zu besiegen und eine Stadt zurück zu erobern. Da dachte ich: „Oh, Armee, Krieg, Action, das geht gut los“. Endlich mal niemand, der Hunderte von Meilen durch einen Kontinent läuft, um einen Ring in einen Berg zu werfen, oder so.

Damit beginnt aber auch gleich eines der größten Probleme des Buches. Die ersten fast 500 Seiten beschäftigt sich Wexler mit der ausführlichen Beschreibung des Feldzugs der Vordanai. Schlachten hier, Schlachten dort, und wenn zwischendurch noch etwas Platz bleibt, dann wird halt noch einmal eine Schlacht, wenigstens aber ein blutiges Scharmützel, eingebaut. Diese werden natürlich entsprechend plastisch beschrieben, Blut hier, abgetrennte Gliedmaßen dort und Eingeweide dort drüben. Sicher, so ein Feldzug ist natürlich kein Ausflug und kann daher auch entsprechend beschrieben werden. Die schiere Länge dieses einen Themas, währenddessen die Geschichte eigentlich nicht wirklich vorangetrieben wird und man auch über die Charaktere und deren Hintergründe zu wenig erfährt, wirkt für mich als Leser aber alles andere als motivierend.

Dazu kommt das „Setting“. Ein Heer mit Musketen, Bajonetten, Kanonen, Kavallerie, in Marschordnung, Schlachtordnung, Quadratformation, all das ist für ein Buch des Fantasy-Genres eher ungewohnt. Das muss natürlich nicht schlecht sein. Dennoch erinnerte mich das alles viel zu sehr an die Napoleon-Feldzüge des beginnenden 19. Jahrhunderts. Und siehe da, der Autor hat sich sehr von David G. Chandlers „The Campaigns of Napoleon“ inspirieren lassen, lese ich später in der Danksagung. Ach was…! Na, wem´s gefällt, ich bin da eher traditionell.

Ein weiterer Schwachpunkt lag meiner Meinung nach in einer der Hauptfiguren: Winter Ihernglass. Als junges Mädchen aus einer Art Erziehungsheim geflohen, kommt Winter in der Armee unter. Frauen werden dort eigentlich nicht aufgenommen. Ich gebe ja zu, dass ich seit Iny Lorentz´ „Wanderhure“ literarisch schwer traumatisiert bin, was Frauen in Männerkleidung angeht. Aber Frauen beim Militär…!? Und dann merkt das noch nicht mal jemand. Also später schon, aber ich will nicht spoilern. Monatelang jedenfalls befindet sich diese Dame unter Männern, wird später befördert und darf ihre Untergebenen dann beim Exerzieren anschreien. Und niemand merkt, dass es sich um eine Frau handelt??? Ganz ehrlich, ich HÖRE doch schon, ob ich von einem weiblichen oder einem männlichen Offizier angeschrien werden. Nun, es mag mein persönliches Problem sein, aber ich nehme Mr. Wexler die Person der Winter Ihernglass einfach nicht ab. Und wenn ich Hauptfiguren schon unglaubwürdig finde, dann hat es ein Buch bei mir ingesamt schwer.

Auch sonst hat „Die tausend Namen“ nicht so wirklich viel zu bieten. Es geht, wie fast immer, um ein geheimnisvolles Artefakt (diesmal wenigstens kein Sphärenschlüssel und kein Ring), das unbekannte magische Kräfte hat und in dessen Besitz mehrere Parteien kommen wollen. Das war eigentlich schon alles. Ach ja, und dann war da ja noch der Feldzug…

Wenn Mr. Wexler nur einen Teil der ersten 500 Seiten genutzt hätte, um seiner Fantasy-Welt eine gewisse Tiefe zu verleihen, dann hätte daraus ein wirklich schönes Buch werden können. So ist leider nur ein durchschnittlicher Fantasy-Wälzer dabei herausgekommen. Dennoch werde ich auch sein zweites Buch lesen, sobald es auf deutsch erscheint, weil ich die Hoffnung habe, dass der Autor sich steigert und weil jeder eine zweite Chance verdient hat!

Wertung:

5,5 von 10 möglichen Punkten

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